Endometriose I Nicht das, was dir erzählt wurde. Endometriose ganzheitlich behandeln - Integrativer Ansatz in Potsdam
- D. G. Gernun

- 18. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Viele Frauen hören nach der Diagnose Endometriose vor allem eines: „Das ist eben hormonell“ Oder: „Damit müssen Sie leben“. Doch Endometriose ist keine reine Gebärmuttererkrankung – und genau dieses Missverständnis beeinflusst häufig, wie Symptome eingeordnet und behandelt werden.

Endometriose ganzheitlich behandeln - Warum Hormone allein nicht ausreichen
Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der Gewebe, das dem Endometrium – also der Gebärmutterschleimhaut – ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst. Dieses Gewebe reagiert weiterhin auf hormonelle Zyklussignale, insbesondere auf Östrogen. Dadurch kann es zu wiederkehrenden Entzündungsreaktionen, Schmerzen, Verwachsungen (Adhäsionen) und einer Beeinträchtigung umliegender Organe kommen.
Typische Lokalisationen sind die Eierstöcke, Eileiter und das Bauchfell (Peritoneum). In komplexeren Fällen kann auch der Darm betroffen sein. In der klinischen Praxis sind operative Eingriffe mit Teilresektionen des Darms bei fortgeschrittener Endometriose keine Seltenheit. Sehr selten wurden sogar Manifestationen außerhalb des Beckens beschrieben, beispielsweise im Brustraum. Das zeigt: Endometriose ist nicht immer eine „lokale“ oder „harmlose“ Erkrankung.
Ein besonders wichtiger Punkt ist, dass die Intensität der Schmerzen nicht zwingend mit dem Ausmaß der Herde korreliert. Manche Frauen haben wenige Läsionen und starke Schmerzen, andere ausgeprägte Befunde und vergleichsweise geringe Beschwerden. Das deutet darauf hin, dass nicht nur die Lokalisation des Gewebes entscheidend ist, sondern vor allem die Reaktion des Immunsystems und die individuelle Entzündungsregulation.
Heute wird Endometriose zunehmend als chronisch-entzündliche und immunologisch beeinflusste Erkrankung verstanden. Das Immunsystem scheint das ektop wachsende Gewebe nicht effektiv zu eliminieren oder reagiert überschießend. Gleichzeitig entstehen lokale und systemische Entzündungsprozesse. Damit rückt ein integrativer Blickwinkel in den Fokus, der neben hormonellen Faktoren auch Immunregulation, Darmgesundheit und Stoffwechselprozesse berücksichtigt
Ein häufig unterschätzter Faktor ist der Darm. Er ist nicht die Ursache der Endometriose, kann jedoch das entzündliche Milieu maßgeblich beeinflussen. Eine gestörte Darmmikrobiota – eine sogenannte Dysbiose – kann niedriggradige systemische Entzündungen fördern und die Immunaktivierung verstärken. Zudem spielt der Darm eine wichtige Rolle im Östrogenstoffwechsel. Bestimmte Darmbakterien beeinflussen, wie Östrogen abgebaut und ausgeschieden wird. Ist die Mikrobiota aus dem Gleichgewicht, kann es zu einer verstärkten Rückresorption von Östrogen kommen. Dabei geht es nicht zwingend um „zu hohe“ Laborwerte, sondern um ein ungünstiges hormonelles Milieu.
Ein weiterer Aspekt sind bakterielle Endotoxine, insbesondere Lipopolysaccharide (LPS). Bei einer gestörten Darmbarriere können diese in den Blutkreislauf gelangen und das Immunsystem dauerhaft aktivieren. Auch das sogenannte Small Intestinal Bacterial Overgrowth (SIBO) steht in einer bidirektionalen Beziehung zur Endometriose. Verwachsungen oder Operationen können die Darmmotilität beeinträchtigen und so SIBO begünstigen. Gleichzeitig kann SIBO durch Gasbildung und Entzündung Schmerzen verstärken. Es entsteht nicht selten ein Teufelskreis aus Darmbeschwerden, Entzündung und Schmerz.
Hormonell betrachtet bedeutet Endometriose nicht automatisch, dass absolut zu viel Östrogen vorhanden ist. Häufig liegt das Problem im Verhältnis zwischen Östrogen und Progesteron. Progesteron wirkt immunmodulierend und antiinflammatorisch und bildet das natürliche Gegengewicht zu Östrogen. Chronischer Stress, anovulatorische Zyklen oder eine Lutealinsuffizienz können zu einer relativen Progesteronschwäche führen. Dadurch wirkt Östrogen weniger reguliert. Entscheidend ist also nicht nur die Menge eines Hormons, sondern auch dessen Metabolisierung, Rezeptoraktivität und das Zusammenspiel im Gesamtsystem.
Ein oft übersehener Aspekt ist die mitochondriale Funktion. Mitochondrien sind nicht nur die „Kraftwerke“ der Zellen, sondern regulieren auch oxidative Stressprozesse und inflammatorische Signalwege. Hinweise aus Studien deuten auf eine mitochondriale Dysfunktion bei Endometriose hin. Das könnte erklären, warum viele betroffene Frauen unter ausgeprägter Fatigue, verminderter Stressresilienz und erhöhter Schmerzempfindlichkeit leiden. Endometriose ist somit nicht nur eine Erkrankung des Beckens, sondern kann den gesamten Energiehaushalt betreffen.
Was bedeutet das therapeutisch? Ein integrativer Ansatz verspricht keine schnelle Lösung und kein Wundermittel. Vielmehr geht es darum, das biologische Umfeld zu verbessern, in dem sich die Erkrankung entwickelt. Dazu kann es sinnvoll sein, das hormonelle Gleichgewicht zu analysieren, die Darmgesundheit zu beurteilen und mögliche Nährstoffdefizite – etwa Eisen, Vitamin B12, Magnesium oder Zink – auszugleichen. Auch eine entzündungsmodulierende Ernährung, Stressreduktion und die Berücksichtigung weiterer stiller Entzündungsherde, beispielsweise im Bereich der Mundgesundheit, können Bestandteil eines ganzheitlichen Konzepts sein.
In meiner Praxis steht zunächst die Basis im Vordergrund: die Stabilisierung der Darmgesundheit, die Optimierung der Mikronährstoffversorgung und die Reduktion systemischer Entzündungsbelastungen. Erst danach können – individuell abgestimmt – Phytochemikalien oder weitere Substanzen sinnvoll eingesetzt werden. Wichtig ist dabei stets: Es gibt kein einzelnes Präparat, das Endometriose „heilt“. Häufig ist es die Summe gut gewählter, personalisierter Anpassungen, die die Lebensqualität deutlich verbessern kann.
Endometriose neu zu denken bedeutet nicht, operative oder schulmedizinische Maßnahmen abzulehnen. Es bedeutet, sie durch ein tieferes Verständnis von Immunologie, Darmmikrobiom, Hormonbalance und Energiestoffwechsel sinnvoll zu ergänzen. Es geht nicht um schnelle Lösungen, sondern um ein fundiertes Verständnis des Körpers – und darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Symptome reduziert und Stabilität aufgebaut werden können.
Quellen:
Burney RO, Giudice LC. Pathogenesis and pathophysiology of endometriosis. Fertility and Sterility. 2012;98(3):511–519.
Svensson A et al. Endometriosis and the gut microbiota: a systematic review. Human Reproduction Update.2021;27(4):737–752.




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